2015 Die Flüchtlingskrise fordert Politik und Gesellschaft

Januar 2018 / Lisa Stalder

Rund 1,4 Millionen Menschen machten sich 2015 auf den Weg aus dem Nahen Osten nach Europa – meist syrische Kriegsflüchtlinge auf der Suche nach einem Leben in Frieden. Am liebsten in Deutschland oder Schweden. Die Schweiz stand zwar abseits der grossen Flüchtlingsströme, das Thema bewegte trotzdem sehr.

Es war ein Bild, das um die Welt ging: Ein türkischer Polizist trägt den leblosen Körper eines kleinen Jungen vom Strand. Es war die Leiche des dreijährigen syrischen Jungen Aylan Kurdi, der im September 2015 gemeinsam mit seiner Familie an der türkischen Küste ein Schlepperboot bestiegen hatte, das sie zur griechischen Ferieninsel Kos hätte bringen sollen – genauso wie tausende seiner Landsleute vor ihnen. Es war dies der verzweifelte Versuch, dem Krieg in Syrien zu entkommen, um ein neues Leben in Frieden zu beginnen. Es kam anders: Das komplett überladene Schlepperboot kenterte im hohen Wellengang, zwölf Leute, die auf dem Boot waren, starben, neben Aylan auch sein fünfjähriger Bruder Galip und seine Mutter. Einzig der Vater überlebte. Aylan Kurdi wurde zum Symbol der Flüchtlingskrise, die sich vor den Toren Europas abspielte.

Eine Krise, die für Europa – und vor allem Deutschland – eine grosse Zäsur darstellte. 2015 ersuchten rund 1,4 Millionen Menschen Asyl in Europäischen Staaten, in erster Linie syrische und irakische Kriegsflüchtlinge. Ein Grossteil, rund 850‘000 Menschen, setzte von der türkischen Küste auf die griechischen Inseln über und versuchte über die Staaten des Balkans nach West- und Nordeuropa zu gelangen. Diese Menschen durchquerten dabei Länder, die teils selber mit Armut zu kämpfen hatten, in einer Wirtschaftskrise steckten oder über eine ungenügende Infrastruktur verfügten. Während Griechenland, Mazedonien, Serbien, aber auch Österreich versuchten, die Flüchtlinge so schnell als möglich weiterzuleiten, setzte Ungarn auf Grenzkontrollen und Repression. Die meisten Menschen, die diese Strapazen auf sich nahmen, wollten nach Deutschland. Dies entweder, weil sie dort jemanden kannten. Oder aber, weil sie gehört hatten, dass die Deutschen grosszügig, die Arbeit und die Ausbildungsmöglichkeiten für die Kinder gut seien. Auch Schweden, das für seine humanitäre Tradition bekannt ist, war ein beliebtes Ziel. Ebenso Grossbritannien war für viele eine gute Option, da sie Sprachbarriere nicht allzu hoch war.

Flüchtlinge lösen Ängste aus

Die Schweiz stand indes abseits der grossen Flüchtlingsströme. Zwar nahm die Zahl der Asylgesuche zu, allerdings war die Schweiz kein primäres Zielland für Personen, die über die Balkanroute nach Europa gelangten, wie dem Jahresbericht 2015 des Staatssekretariats für Migration entnommen werden kann. Von den 39‘523 Personen, die 2015 ein Asylgesuch in der Schweiz stellten (15‘758 mehr als 2014), stammten 9966 aus Eritrea, 7831 aus Afghanistan, 4745 aus Syrien und 2388 aus dem Irak. Obwohl die Flüchtlingswelle weitgehend an der Schweiz vorbeiging, löste sie auch hierzulande Ängste aus. So wurde beispielsweise befürchtet, dass Migrantinnen und Migranten den Schweizerinnen und Schweizern die Arbeitsplätze streitig machen könnten oder dass das Lohnniveau sinken könnte. Viele sahen Flüchtlinge auch als Sicherheitsrisiko. Aus Angst vor negativen Folgen formierte sich vielerorts Widerstand, wenn der Bund ankündigte, ein Asylzentrum einrichten zu wollen. So artete beispielsweise eine Informationsveranstaltung im freiburgischen Giffers im Februar 2015 komplett aus. Schlagzeilen machte auch die aargauische Gemeinde Oberwil-Lieli, die sich weigerte, zehn Asylsuchende aufzunehmen. In Deutschland, wo 2015 1,1 Millionen Menschen Asylgesuche stellten, waren diese Ängste noch viel ausgeprägter. Nicht zuletzt deshalb erhielt die Politik der rechtspopulistischen Partei  Alternative für Deutschland (AfD) immer mehr Zuspruch.

Für Europa war die Flüchtlingskrise von 2015 eine regelrechte Zerreissprobe. Zwar wurde ein Zehn-Punkte-Plan erarbeitet, der die Flüchtlinge besser auf die EU-Staaten verteilen sollte. Auch die Bekämpfung des Schlepperwesens stand weit oben auf der Traktandenliste. Doch divergierende Ansichten führten dazu, dass erschreckend wenig passierte. Zudem wurde deutlich, dass das Dublin-System offenbar nicht mehr funktionierte, eine Reform dessen war indes nicht Gegenstand von Verhandlungen. Vielmehr führten einzelne Mitgliedstaaten eigenmächtig Grenzkontrollen ein und stellten somit auch die Schengen-Regeln, ein regelrechtes Herzstück der europäischen Idee, infrage.