2006 Wachsende Zahl Sozialhilfebezüger überfordert Städte

Januar 2018 / Lisa Stalder

Nach der Jahrtausendwende stieg die Anzahl jener Menschen, die Sozialhilfe bezogen, stark an. Insbesondere Städte und Agglomerationen waren davon betroffen. Dieser Umstand zwang sie, gezielte Massnahmen zu suchen - und auch tatsächlich umzusetzen.

Und plötzlich hatte man es schwarz auf weiss: In den ersten Jahren nach der Jahrtausendwende mussten die grösseren Schweizer Städte zwischen 30 und 45 Prozent mehr Sozialhilfefälle betreuen als noch ein paar Jahre zuvor. In Zürich lag die Sozialhilfequote 2005 bei 6,6 Prozent, in Basel-Stadt sogar bei 7,8 Prozent. Diese Vergleiche konnten erst gezogen werden, weil die Städteinitiative Sozialpolitik 1999 den Kennzahlenbericht zur Sozialhilfe eingeführt hatte. Acht Schweizer Städte, darunter Zürich, Basel, Bern, St. Gallen und Luzern, verglichen fortan jährlich ihre Kennzahlen zur Sozialhilfe. Später kamen weitere Städte und Gemeinden dazu, heute sind es deren 14. Dank dieser Kennzahlen wurde schliesslich auch deutlich, dass die Anzahl Sozialhilfebezügerinnen und –bezüger und somit die Sozialhilfequoten nach dem Jahr 2000 kontinuierlich angestiegen waren. Die eingangs genannten Zahlen wurden im Jahr 2005 erhoben. Als besonders gefährdet galten damals – wie heute – alleinerziehende Mütter, junge Erwachsene ohne Ausbildung, geschiedene und verwitwete Personen sowie Migrantinnen und Migranten.

Die Gründe für diesen markanten Anstieg waren vielfältig. So hatte die Sozialhilfe nach der Jahrtausendwende aufgrund Veränderungen im Ausbildungs- und Sozialversicherungsbereich zusätzliche Lasten zu tragen, wie die Städteinitiative im Jahr 2006 in einer Mitteilung schrieb. So gab es beispielsweise jene jungen Erwachsenen, die den Einstieg in die Arbeitswelt nicht über eine Berufsausbildung schafften; zu hochschwellige oder zu wenige Lehrangebote führten dazu, dass ein Teil dieser jungen Menschen in der langanhaltenden Rezession der 1990er-Jahre den Einstieg in den Arbeitsmarkt verpassten. Hinzu kamen die im Jahr 2003 verschärften Bedingungen für den Bezug von Arbeitslosentaggeld. Dies führte zusätzlich dazu, dass insbesondere junge Erwachsene – aber nicht nur – rascher in der Sozialhilfe landeten. Ein weiterer entscheidender Punkt: Mit der verschärften Praxis der IV wurden weniger Renten zugesprochen, was zu höheren Kosten in der Sozialhilfe führte.

Gezielt Massnahmen suchen

Zwar erholte sich die Wirtschaft ab 2003 allmählich, doch dies wirkte sich nur zögerlich auf die Sozialhilfe aus. Die Städteinitiative betonte damals, dass die bessere Konjunkturlage die strukturellen Phänomene etwas entschärfen könne. Allerdings brauche es dringend weitere Massnahmen, um insbesondere junge Erwachsene und Personen mit einer Leistungsschwäche in den Arbeitsmarkt einzugliedern und die Sozialhilfe so langfristig zu entlasten. Je früher interveniert werde, desto grösser die Chance, dass die Integration in den Arbeitsmarkt klappt. Deshalb drängte die Städteinitiative darauf, Neubezügerinnen und –bezüger intensiv zu beraten und in deren Bildung und Weiterbildung zu investieren.

Das ist oftmals leichter gesagt als getan. Doch dank der Kennzahlen war es den Städten und Gemeinden nun plötzlich möglich, Problemlagen zu erkennen und zielgerichtete Massnahmen zu ergreifen. So beispielsweise Integrationsprojekte für junge Menschen, für Flüchtlinge oder aber für Sozialhilfebezüger, die bereits über 50 Jahre alt sind und über eine gute Qualifikation verfügen. Als Vorzeigebeispiel gilt unter anderem die Stadt Lausanne, der es gelungen ist, seit 2012 ihre Sozialhilfequote kontinuierlich zu senken. Dies wurde etwa durch Ergänzungsleistungen für Familien, Überbrückungsrenten und Bildungsmassnahmen für junge Erwachsene ohne Ausbildung erreicht.